37242 Bad Sooden-Allendorf

Aus dem Behandlungsschwerpunkt Neuromuskuläre Erkrankungen

der Neurologischen Abteilung der Klinik Hoher Meissner

 

Informationen zu Krankheiten
Weitere Medizinische Informationen und Links - auch speziell von
 
der Neurologischen Abteilung der Klinik Hoher Meissner - finden Sie hier

 

Poliomyelitis anterior acuta
Post-Polio-Syndrom (PPS)

von Dr. med. Carsten Schröter

Polymyositis - Übersicht:

  • Poliomyelitis – Einleitung

  • Poliomyelitis – das Virus und die Impfung

  • Poliomyelitis – die Erkrankung (Kinderlähmung)

Informationen zu Symptomen und Ursachen des Post-Polio-Syndroms erhalten Sie auf unserer Internet-Seite: www.pps-post-polio-syndrom.de

Informationen zu Therapie und Rehabilitation des Post-Polio-Syndroms erhalten Sie auf unserer Internet-Seite:
www.pps-post-polio-syndrom.de/Rehabilitation

Informationen zur Ernährung bei Übergewicht bei Post-Polio-Syndrom finden sie in einem Beitrag von
Dr. Schröter in den Polio-Nachrichten (bitte klicken Sie hier)

Poliomyelitis - Einleitung

Folge von Infektionen mit dem Poliomyelitis -Erreger sind Magen-Darm-Infektionen und bei einem Teil der Patienten Lähmungen. Poliomyelitis anterior acuta oder auch Kinderlähmung, oft kurz Polio bezeichnet, ist eine Erkrankung der Vorderhornzelle im Rückenmark, also des zweiten motorischen Neurons. Hierdurch kommt es zu den Lähmungen. Übersichtliche Information über die verschiedenen Strukturen des Körpers, die für Bewegungen benötigt werden, also auch die Motoneurone erhalten Sie auf unserer Internet-Seite www.muskelkrankheit.de, so dass hier nicht weiter auf diese Begriffe eingegangen werden soll. Im folgenden wird über das Virus, die Kinderlähmung (Polio) und die Möglichkeit der Impfung berichtet.  

Nach jahrzehntelangem stabilen Verlauf nach dem Auftreten der Lähmungen kann es wieder zu einer langsamen Zunahme der Schwächen kommen. Diese und andere im Verlauf auftretende Störungen werden als Post-Poliomyelitis-Syndrom oder kurz Post-Polio-Syndrom (PPS) bezeichnet. Ausführliche Informationen zu diesem Thema finden Sie auf unserer Seite www.pps-post-polio-syndrom.de/, Informationen zur Reha bei Post-Polio-Syndrom unter www.pps-post-polio-syndrom.de/rehabilitation.  

Poliomyelitis - das Virus und die Impfung

Poliomyelitis, genauer Poliomyelitis anterior acuta, oder auch als Kinderlähmung bezeichnet, wird durch ein Virus ausgelöst. Das Poliomyelitis -Virus ist ein Enterovirus, also ein Virus, das zu Darm-Erkrankungen führt. Es ist hochinfektiös. Es gehört zu den Picorna-Viren. Dies bedeutet, es handelt sich um kleine (PICO = klein) Viren, der Erbgut auf der RNA (Ribonukleinsäure) kodiert wird, nicht auf DNA (Desoxyribonukleinsäure), wie bei anderen Lebewesen. Die Polio-Viren werden in 3  Typen (Typ I, II und III) eingeteilt.

Polio-Viren waren weltweit verbreitet, durch ein globales Impfprogramm der Weltgesundheitsorganisation (WHO) mit Schluck-Impfstoff wurde die Verbreitung des Virus weitgehend eingedämmt. Der amerikanische Kontinent gilt seit 1994 als poliofrei. In Europa wurden letztmalig im Jahre 1998 in der Türkei 26 Krankheitsfälle dokumentiert. Seit 1999 wurden keine in Europa selbst aufgetretenen Fälle mehr diagnostiziert, in Deutschland bereits seit 1990. Durch im Ausland infizierte Personen sind in Deutschland zuletzt im Jahre 1992 noch zwei Fälle diagnostiziert worden.

Ziel der Weltgesundheitsorganisation (WHO) ist, die Erkrankung auszurotten. Solange ein einzelnes Kind noch mit Polio-Viren infiziert ist, sind alle Kinder in allen Ländern gefährdet. Beispielsweise trat bei einem Kind im Libanon im Jahre 2003 die Erkrankung auf, der erste Fall in diesem Staat seit 10 Jahren. Es wurde hinterher belegt, dass der Erreger von Indien importiert wurde. Der Erreger kann also in ein Polio-freies Land importiert werden und sich dort rasch verbreiten, wenn die Bevölkerung nicht ausreichend durch Impfungen immunisiert ist. Zu Beginn des Jahres 2003 war bekannt, dass in Nigeria, Niger, Indien, Pakistan, Afghanistan und Ägypten das Virus übertragen wird. Nach verminderten Impfbemühungen in Nigeria im Jahre wurde das Virus in 12 weitere Nachbarländer verschleppt. Nach Information des Deutschen Grünen Kreuzes wurden im Jahr 2006 bis zum 6. Oktober insgesamt 1.500 Fälle von Poliomyelitis weltweit registriert. Die Fälle wurden vor allem aus Nigeria (921), des Weiteren aus Indien (416), Somalia (32), Afghanistan (28), Pakistan (28), Namibia (20), Äthiopien (15), Bangladesh (15), Niger (11), Demokratische Republik Kongo (7), Indonesien (2), Nepal (2), Jemen (1), Angola (1) und Kenia (1) gemeldet. Über die Internet-Seiten der Weltgesundheitsorganisation (WHO) sind weitere aktuelle Informationen zu erhalten. 

In Deutschland traten größere Epidemien 1952/53 mit über 15.000 und 1960/61 mit knapp 6.000 gemeldeten Fällen auf. Bereits der Verdacht der Erkrankung ist meldepflichtig.

Die Polio wird vorwiegend über den Stuhlgang übertragen (Schmierinfektion). Schlechte hygienische Verhältnisse begünstigen die Ausbreitung der Infektion. Die Inkubationszeit beträgt in der Regel 5 bis 14 Tagen. Kurz nach Beginn der Infektion kommt es zur Virusproduktion im Darm, nur kurzfristig auch im Bereich des Rachens.  

Durch die Schluckimpfung mit abgeschwächten Erregern kam es noch zu ein bis zwei impfungsbedingten Poliomyelitis-Fällen (Impf-Polio) pro Jahr. Um auch diese zu vermeiden, wird Impfstoff mit abgetöteten Polio-Viren eingesetzt.

Die sogenannte vakzine-assoziierte paralytische Poliomyelitis, also Lähmungen durch die Impfviren, wird darunter nicht mehr beobachtet. Die ständige Impfkommission des Robert-Koch-Instituts (Stand Januar 2007) empfiehlt eine Grundimmunisierung entsprechend dem Impfkalender für Säuglinge, Kinder und Jugendliche. Die Impfung beginnt im dritten Lebensmonat und umfasst drei Impfungen in monatlichen Abständen. Im Alter zwischen dem 9. und 17. Lebensjahr wird für Jugendliche eine erneute Impfung empfohlen. Bei Erwachsenen wird eine generelle Auffrischung des Impfschutzes vom Robert-Koch-Institut nicht empfohlen, bei nicht geimpften Erwachsenen allerdings eine Grundimmunisierung. Für folgende Gruppen wird dagegen eine Auffrischung der Impfimmunität empfohlen, wenn die letzte Impfung länger als 10 Jahre zurückliegt:

-     Personen mit berufsbedingt möglichem engen Kontakt zu Poliomyelitis -Kranken oder zu Polio-Viren in Laboratorien,

-     Reisende in noch bestehenden Polio-Endemiegebieten

-     Aussiedler, Flüchtlinge oder Asylbewerber aus Polio-Endemiegebieten, die in Gemeinschaftsunterkünften leben (sowie das Personal dieser Einrichtungen)

-     Kontaktpersonen zu an Poliomyelitis Erkrankten.  

Auch bei Immungeschwächten ist eine solche Impfung möglich. Ob bei Ihnen eine Polio-Schutzimpfung durchgeführt werden sollte, besprechen Sie am besten mit Ihrem Hausarzt. Er kann Sie am individuellsten auf Ihre spezielle, insbesondere auch gesundheitliche Situation bezogen, beraten.

Poliomyelitis – die Erkrankung (Poliomyelitis anterior acuta, Kinderlähmung)  

Über 95% der Infektionen mit dem Polio-Virus verlaufen asymptomatisch, also ohne Krankheitserscheinungen. Dabei bildet der Körper Antikörper, die ihn vor weiteren Infektionen mit dem gleichen Erregertyp bewahren, die sogenannte stille Feiung. Bei etwa 4 – 5 % der Patienten treten unspezifische Krankheitszeichen auf, wie Fieber, Übelkeit, Halsschmerzen, Muskel- und Kopfschmerzen.

In etwa 1 – 2 % tritt eine sogenannte nichtparalytische Poliomyelitis (Paralyse = Verlust der Muskelkraft) auf mit Fieber, Nackensteifigkeit und Rückenschmerzen. Der Nachweis von Entzündungszellen im Nervenwasser belegt dann eine Meningitis, eine Hirnhautentzündung. Die Erkrankung ist gutartig und bedarf nur symptomatischer Behandlung.

In 0,1 bis 1 % der Infektionen aber tritt die paralytische Poliomyelitis, die eigentliche Kinderlähmung auf. Hier kommt es zu schnellen oder schrittweise auftretenden Lähmungen von Muskelgruppen, zum Teil über Stunden. Mitunter kommt es zunächst zwei bis drei Tage nach Besserung der Krankheitszeichen der nichtparalytischen Poliomyelitis zu den motorischen Schwächen. Typischerweise sind die Schwächen asymmetrisch und betreffen am häufigsten die Beinmuskulatur, können aber auch die Arm-, Bauch-, Brustkorb- und Augenmuskulatur betreffen, selten auch die Schluckmuskulatur. Nach der akuten Phase der Lähmung kommt es im Verlauf oft wieder zu einer guten Besserung der Kraft in den geschwächten Muskelgruppen.

Die Behandlung der Poliomyelitis anterior acuta erfolgt auf die Symptome bezogen, eine Behandlung der Erkrankungsursache, also des Virus, ist nicht möglich. Pflegerische Betreuung und Krankengymnastik stehen im Vordergrund. Die Basistherapie dient besonders der Verhinderung von Thrombosen, Lungenentzündungen oder auch Durchlagegeschwüren (Dekubitus). Bei Störungen der Atemfunktion ist rechtzeitige Beatmung notwendig. Immer ist auch in der Akutsituation regelmäßige Krankengymnastik einzusetzen, so zur Verhinderung von Kontrakturen (Einschränkung der Gelenkbeweglichkeit) und zur Atemgymnastik.

Als direkte Folgen der Erkrankung treten die Lähmungen auf. Aber auch nach Ablauf der akuten Erkrankung können weitere Folgen der Erkrankung auftreten. Da meistens Kinder von der Erkrankung betroffen sind, die sich ja noch in der Wachstumsphase befinden, resultiert durch die lähmungsbedingte unterschiedliche Belastung und den unterschiedlichen Einsatz der Extremitäten auch ein unterschiedliches Wachstum, so dass beispielsweise ein schwerer betroffenes Bein kürzer und schmächtiger ist als das weniger oder gar nicht betroffene Bein. Im Bereich der Wirbelsäule kann es durch die Asymmetrie oder Schwächen der Rumpfmuskulatur zu Deformitäten, Skoliosen (Verkrümmungen) kommen. Ebenso können durch die Fehlbelastungen Einschränkungen der Gelenkbeweglichkeit (Kontrakturen) auftreten.

Als Folge der muskulären Imbalancen durch die Erkrankung direkt wie auch durch die genannten Folgen im Bereich des knöchernen Bewegungsapparates können Schmerzen resultieren, sie entstehen durch die vermehrt belastete und damit auch verspannte Muskulatur. Sie können aber auch Folge des Verschleißes von Gelenken (Arthrose) oder der Wirbelsäule sein. Verminderte Belastung von Knochen, zum Beispiel fehlende Belastung der Beinknochen wegen Steh- und Gehunfähigkeit, kann zu einer Osteoporose führen.

Als Folge der muskulären Schwächen der Atemmuskulatur können Störungen der Atmung fortbestehen. Bilden sie sich nach der akuten Erkrankungsphase nicht zurück, so kann eine Heimbeatmung notwendig werden.

Bei Patienten, die den Rollstuhl oder Gehstützen benützen müssen, leiden oft unter Schmerzen in den Händen, oft auch oder besonders nachts, wachen davon auf. Ursache kann dann ein sogenanntes Carpaltunnel-Syndrom sein, ein Engpass-Syndrom des Medianus-Nervs (Nervus medianus) am Handgelenk. Durch die vermehrte Belastung des Handgelenks kommt es im Bereich des Engpasses zu einer Reizung des Nerven. Eine Handschienung zur Nacht und der Versuch der Vermeidung der Belastung, soweit dies möglich ist, kann eine Besserung erreichen, in der Regel ist aber eine Operation notwendig, die oft auch ambulant durchgeführt wird.

Viele Patienten, die schwerer betroffen sind, berichten auch über eine Kälteunverträglichkeit. 

Jahrzehnte nach der primären Erkrankung kann es zu einer langsamen Zunahme der Schwächen und weiteren Symptomen kommen. Hierzu gibt die Seite www.pps-post-polio-syndrom.de/ weitere Informationen. Zur Therapie und Rehabilitation des Post-Polio-Syndroms wählen Sie bitte die Seite www.pps-post-polio-syndrom.de/rehabilitation

Mit den besten Wünschen, insbesondere für Ihre Gesundheit  

Dr. med. Carsten Schröter

Chefarzt der Neurologischen Abteilung der Klinik Hoher Meissner
Arzt für Neurologie
Physikalische Medizin, Rehabilitationswesen
Mitglied der Deutschen Gesellschaft für Muskelkranke

Weitere Medizinische Informationen
und
Links für Patienten und Interessierte –
von Amyotrophe Lateralsklerose bis zur Therapie der spastischen Spinalparalyse -
finden Sie hier

Sagen Sie uns ruhig mal Ihre Meinung!
Oder stellen Sie uns Ihre Fragen...
und klicken Sie hier...

 

Bundesverband                           Polio-Allianz e.V.                         Polio-Selbsthilfe e.V.
Polio e.V.
Verbandslogo Bundesverband Polio e. V.                          Logo Polio Selbsthilfe e. V.

                                                                          
Deutsche Gesellschaft für Muskelkranke                                   Polio Initiative Europa e.V.
                                                                                                  Bundesverband Deutschland

Weitere Informationen zu Krankheiten finden Sie bei der Wicker-Gruppe unter www.informationen-zu-krankheiten.de. Info-Material zur Klinik anfordern: www.wicker-gruppe.de/infomaterial-anfordern.html

Zur Klärung weiterer medizinischer Fragen und Behandlungs- bzw. Therapiemöglichkeiten steht Ihnen unser Chefarzt im persönlichen Gespräch gerne zur Verfügung. Bitte vereinbaren Sie zuvor einen Termin in unserer Privatambulanz.

Weitere Fragen? Ihre Meinung?
Schicken Sie uns eine E - mail

Dr. Carsten Schröter

Tel.: 05652 – 55 861, FAX 05652 – 55 814

Klinik Hoher Meissner
Hardtstraße 36, 37242 Bad Sooden-Allendorf
Tel.: 05652 – 55 0, FAX 05652 – 55 870

Impressum · · Anfahrt

Haftungshinweis:
Für die gemachten Angaben wird keine Gewähr übernommen; im Einzelfall ist immer ein Arzt zu konsultieren! Trotz sorgfältiger inhaltlicher Kontrolle übernehmen wir keine Haftung für die Inhalte externer Links. Für den Inhalt der verlinkten Seiten sind ausschließlich deren Betreiber verantwortlich.